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Nur Worte. Oder?

Nur Worte. Oder?

Worte sind nie nur Worte.

Es gibt da neuerdings so Worte, die sich in unseren Alltag einschleichen. Ich begegne ihnen in Erzählungen von Menschen über ihre Hunde, in Gesprächen unter Hundetrainern, in Social-Media-Posts. Diese Worte kommen oft beiläufig, aber manchmal auch sehr bewusst. „Verhaltensoriginell“ gehört zum Beispiel dazu, „verhaltenskreativ“ und „emotionsflexibel“. Das sind drei von vielen Begriffen, die immer mal wieder zu hören sind. Und manchmal, wenn es direkter, härter oder abgeklärter klingen soll: „Arschlochhund“.

Worte machen Hunde.

Oft sind es Worte, die leicht wirken. Fast freundlich kommen sie daher. Manchmal ironisch, manchmal witzig, und fast immer so selbstverständlich gebraucht, dass niemand sie infrage stellt. Es sind ja nur Worte – oder? Ich bin der Meinung: Es lohnt sich, bei diesen Worten genauer hinzuschauen.

Solche Wortschöpfungen entstehen oft dort, wo es schwer wird. Sie werden geschaffen, wo Verhalten herausfordert, Beziehung anstrengend wird und Orientierung fehlt. Menschen versuchen dann, handlungsfähig zu bleiben. Sprache springt ein, sie ordnet, sie rahmt – und sie schafft Abstand und macht das Schwierige aushaltbar. 

Konkret heißt das: Wenn ein Hund schwierig ist, bekommt sein Verhalten einen Namen. Dieser Name klingt netter. Er tut weniger weh, vor allem uns.

Doch Sprache wirkt – immer. Sie wirkt unabhängig von der Absicht, die vielleicht dahintersteckt. Sie wirkt besonders dort, wo die Möglichkeit zur Gegenrede fehlt, und dort, wo ein Machtgefälle besteht – wie zwischen Mensch und Hund.

Der Kopf eines Hundes vor einer BacksteinwandEin Hund kann nichts richtigstellen

 

Sprache ist nie nur Sprache.

 

Hunde sind keine Gegenüber auf Augenhöhe. Sie nehmen nicht am Diskurs teil, sie können Zuschreibungen nicht zurückweisen, Bedeutungen nicht korrigieren, Worte nicht relativieren. Sie tragen widerspruchslos und dauerhaft, was über sie gesagt wird. Sprache ist hier keine beiläufige Beschreibung. Sie ist eine Setzung, eine Festlegung. Sie prägt Wahrnehmung. Sie schafft Realität. 

So entstehen Bilder, die bleiben und wirken. Sie bestimmen, wie ernst etwas genommen wird, wie viel Verantwortung empfunden wird und wie viel Bereitschaft zur Veränderung entsteht. 

Ein Hund, der als „verhaltensoriginell“ beschrieben wird, ruft ein anderes Bild hervor als ein Hund, der sich in einem inneren Konflikt befindet. Das eine klingt leicht, fast charmant. Wie originell, haha! Das andere fordert Hinsehen, Auseinandersetzung, Führung. Sprache ist deshalb nie neutral. Sie ist ein Filter, durch den wir Wirklichkeit wahrnehmen und der uns entsprechend handeln lässt.

Vielleicht geht es dabei weniger um den Hund selbst als um unsere Vorstellung davon, wie er in unseren Lebensentwurf passen soll. Denn natürlich ordnen unsere Begriffe nicht nur Verhalten, sondern auch Erwartungen. Und sie verraten, wie sehr wir bemüht sind, den Hund kompatibel zu machen mit einer Welt, die wir für selbstverständlich halten.

Die Bilder, die wir mit Sprache prägen, wirken nicht nur im Moment, sondern weit darüber hinaus. Und sie können gewichtig werden: Ein Begriff, der einmal fällt, ist harmlos, doch ein bleibender Begriff wird zur Brille, durch die alles gesehen wird. Verhalten wird dann nicht mehr als Ausdruck verstanden, sondern als Eigenschaft. Aus einem Thema wird ein Typ, und aus einem Hund ein Etikett.

Begriffe entscheiden, was wir wahrnehmen. 

Hundepfoten in einer Pfütze mit Spiegelung an der Oberfläche Was wir sehen, ist selten nur der Hund

 

Was dabei kaum gefragt wird, ist etwas sehr Einfaches: Was genau ist an diesem Verhalten eigentlich „originell“, „kreativ“ oder „flexibel“? Diese Worte klingen nach Freiheit, nach Gestaltung und Wahlmöglichkeiten. Sie bezeichnen Eigenschaften, die wir heute bei uns selbst schätzen. Beschreiben diese Worte vielleicht weniger den Hund als das Bild, das wir von einem gelingenden Leben haben?

Problematisches Verhalten entsteht aber nicht aus Freiheit. Es entsteht vielmehr aus Enge. Wo innerer Druck besteht und Orientierung fehlt, bleibt kein Raum für Kreativität oder Flexibilität. Mit Enge ist dabei nicht äußere Einschränkung allein gemeint. Sie beschreibt einen Zustand innerer Begrenzung: fehlende Handlungsspielräume, widersprüchliche Signale, Überforderung des Nervensystems. Ein Hund, der unter Druck steht, wählt nicht zwischen Möglichkeiten, sondern er reagiert – gebunden an das, was in diesem Moment noch aushaltbar ist.

Wir beschreiben Hunde und zeigen dabei uns selbst.

Diese Begriffe beschönigen das, was gerade schwer auszuhalten ist. Sie machen die Not des Hundes sprachlich gefällig – und genau darin liegt ihre Wirkung.

Beschönigung ist aber nicht die einzige Funktion, die diese Worte bekommen. Sprache kann auch eskalieren, zum Beispiel mit den folgenden Begriffen, die nicht entschärfen, sondern aufrüsten: „Systemsprenger“, „Kamikazehund“, „Höllenhund“ – das sind Kampfbegriffe, die den Hund zur Bedrohung erklären. 

Daneben gibt es Begriffe, die nicht aufrüsten, sondern entwerten. Der „Köter“ gehört dazu – ein Wort, das historisch nie neutral war, sondern Abwertung und Rangverlust markiert. Und auch der „Arschlochhund“ folgt dieser Logik: ein moderner Begriff, der Verhalten moralisiert und dem Hund Charakterfehler zuschreibt, wo eigentlich Beziehung, Kontext und das Verständnis von Überforderung gefragt wären. Hier macht Sprache Hierarchie deutlich, sie ordnet von oben nach unten, wertet bis zur Geringschätzung.

Eine weitere Zuschreibung fügt sich nahtlos in dieses Muster: Manche Hunde werden so beschrieben, als würden sie gezielt Konflikte suchen, als hätten sie „Bock auf Ärger“. Fachlich lässt sich das nicht belegen. Was sich beschreiben lässt, ist etwas anderes: dass Konflikte für manche Hunde regulierend wirken, weil sie Klarheit, Handlungsspielraum und Selbstwirksamkeit herstellen – dort, wo Orientierung fehlt.

Wo Sprache aufrüstet oder abwertet, verändert sich zunächst die Wahrnehmung, dann aber auch der Umgang. Aus einem überforderten Hund wird eine Gefahr, aus einem Konflikt ein Feindbild. Paradoxerweise entlastet auch das. Wer den Hund sprachlich zum Problem erklärt, muss sich nämlich nicht mehr fragen, was er braucht – nur noch, wie man ihn im Zaum hält.

Ein Hund vor einem Containerschiff im Hamburger Hafen Braucht Liebe – auch sprachlich

 

Mit diesen Worten wird Verhalten in Eigenschaften verwandelt. Aus etwas, das entsteht, wird etwas, das nun unverrückbar so ist. Der Hund ist dann „schwierig“, er ist „eigen“ oder „speziell“. Das Etikett klebt, und mit ihm verschiebt sich der Blick, und zwar weg vom Prozess und dem Kontext, weg von der Beziehung und der eigenen Rolle darin. All dies vollzieht sich weder laut noch bewusst, sondern schleichend.

Diese Verschiebung zeigt sich besonders in einer Zeit, in der der Umgang mit Hunden merklich weicher geworden ist. Der Tenor ist freundlicher, vorsichtiger, bemühter. Grenzen gelten schnell als Härte, Frust als Zumutung, Konflikt als Beziehungsschaden. Liebe soll tragen, das ist der Wunsch. Verständnis soll reichen, Entwicklung möglichst ohne Widerstand stattfinden. Das ist gut gemeint und oft ehrlich motiviert. Es passt zu einer Zeit, in der viele Menschen Reibung am liebsten vermeiden möchten und Verantwortung in Gefühle übersetzen. Das ist oft verständlich, doch auch hier wird Sprache zum Mittel, um Schwieriges handhabbar zu machen. Gerade deshalb lohnt ein zweiter Blick.

Beziehung ohne Zumutung ist keine Beziehung. Ich kann es nicht oft genug sagen: Entwicklung ohne Konflikt ist keine Entwicklung! Hunde, denen nichts mehr zugemutet wird, werden nicht geschont – sie werden unterschätzt! Auch das lässt sich sprachlich abfedern. Mit Begriffen, die freundlich klingen und dennoch Distanz schaffen.

Zwei Hunde stehen auf einem Absatz unter einer Unterführung, einer blickt in die Kamera, der andere zur Elbe Beziehung hält Differenz aus

 

Hinzu kommt eine Perspektive, die selten offen benannt wird – die der Hundetrainer selbst. Wer professionell mit auffälligen, schwierigen oder gar gefährlichen Hunden arbeitet, bewegt sich dauerhaft in einer Belastungslage. Auch Menschen mit Fachexpertise geraten an Grenzen, die ihnen emotional viel abverlangen und sie fachlich unter Druck setzen, oft unter realem Risiko und mit hoher Verantwortung. Eskalationen, Aggression, Kontrollverlust und Angst gehören für viele zum Alltag. Diese Arbeit ist fordernd, erschöpfend und oft wenig geschützt.

Sprache übernimmt hier aus der Not heraus eine regulierende Funktion. Sie dient dem Selbstschutz, schafft Distanz, wo Nähe überwältigend wäre. Sie filtert Emotionen, stabilisiert Rollen und hält unter Stress handlungsfähig.

Dahergesagtes ersetzt Haltung, wo Orientierung fehlt.

Problematisch wird es dort, wo dieser Selbstschutz zur Gewohnheit wird und nicht mehr situativ schützt, sondern dauerhaft formt. Wo Begriffe nicht mehr nur entlasten, sondern abstumpfen, bleibt Distanz, auch wenn Nähe wieder möglich wäre. Dann schützt Sprache vielleicht innerlich, doch sie wirkt nach außen weiter.

In einer Hundeszene, die unter ständiger Beobachtung steht, die bewertet, moralisiert und zuspitzt, nicht zuletzt durch Social Media, werden Worte leicht zu Signalen: für Stärke, Abgeklärtheit oder Unerschütterlichkeit. Der Hund wird Teil einer Erzählung, die weniger mit ihm zu tun hat als mit dem Bild, das jemand von sich selbst zeigen möchte.

Wer mich kennt, weiß, dass ich sehr gern lache. Aber nicht über Hunde, die mit unserer Welt kämpfen! Auch Humor kann entlasten. Bei Zynismus gilt es aber aufzupassen. Er ist bequem, weil er das Schwere leicht macht, ohne sich ihm stellen zu müssen.

Was dabei oft übersehen wird: Diese Begriffe nehmen dem Hund nicht nur Schärfe – sie nehmen ihm auch Gewicht. Wer Verhalten sprachlich verharmlost oder verniedlicht, hält den Hund klein – oft aus einem Schutzimpuls heraus, manchmal aus Geringschätzung. In beiden Fällen bleibt die Wirkung dieselbe, unabhängig vom Motiv.

Diese Schutzfunktion, die bestimmte Formulierungen für manche Hundetrainer haben, wirkt aber nicht nur im Privaten, sondern auch nach außen. Ein Hund, dessen problematisches oder auffälliges Verhalten als „originell“ oder „kreativ“ beschrieben wird, wird anders eingeordnet als ein Hund, dessen Verhalten klar und sachlich benannt wird. Das kann sinnvoll sein, denn es verhindert möglicherweise, dass Verhalten vorschnell dramatisiert, pauschal bewertet oder ausschließlich als Sicherheitsproblem betrachtet wird. Aber Schutz kippt dort, wo Ernsthaftigkeit verloren geht, Risiken nicht mehr realistisch eingeschätzt werden und Verantwortung weichgespült wird. Ein Hund, der nicht ernst genommen wird, wird nicht vorbereitet. Und genau das ist keine Sicherheit – für niemanden. 

All das macht die Nutzung dieser Begriffe erklärbar, doch es macht sie nicht harmlos. Vielleicht lohnt nicht nur die Frage, wie wir über Hunde sprechen, sondern auch, was wir uns selbst ersparen, wenn wir es tun.

Es gilt für Hundetrainer ebenso wie für Menschen, die Hunde halten: Dort, wo unüberlegte Worte das Denken übernehmen, zieht sich Verantwortung leise zurück. Denken wird durch Routine ersetzt, Begriffe werden unreflektiert benutzt. Aus Erschöpfung, Unsicherheit oder auch aus dem Wunsch, nichts falsch zu machen. Gedankenlosigkeit beginnt dort, wo Begriffe selbstverständlich werden, wo sie nicht mehr irritieren und niemand mehr fragt, was da eigentlich gesagt wird.

An diesem Punkt wird Sprache zur Frage der Haltung. Ich benutze diese Begriffe bewusst nicht. Nicht, weil ich humorlos bin oder Leichtigkeit ablehne, sondern weil ich weiß, wie mächtig Sprache ist und wie schnell sie Bilder erzeugt, die sich festsetzen. Bilder, die den Hund kleiner machen, als er ist. Bilder, die Prozesse verkürzen. Bilder, die Verantwortung verschieben. Sprache ist mir an dieser Stelle zu wirksam, um sie achtlos einzusetzen.

Diese Perspektive ist kein Einzelgedanke, sondern Teil meiner grundsätzlichen Arbeitshaltung – nachlesbar auch hier: Das Gegenteil von „Sitz“.

Dieser Text will niemandem Worte verbieten. Er will keine Regeln aufstellen und keine Schuld verteilen. Vielmehr ist er eine Einladung: zu einem kurzen Stehenbleiben und der Frage, was ein Begriff gerade für uns erledigt und was er uns abnimmt. Und welches Bild vom Hund dabei entsteht, lange bevor wir handeln.

Verantwortung beginnt vor dem Wort.

Ein Hund steht am Strand im Wind und blickt in die FerneEin Hund – kein Etikett

 

Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort, wo wir akzeptieren, dass manches einfach schwer ist. Und dass Hunde es verdienen, dass wir das aushalten – statt sie sprachlich klein zu machen.

Wer hier schreibt?
Ich bin Gülay Ücüncü – Hundetrainerin und Verhaltensberaterin aus Hamburg. Und wenn du hier liest, bist du genau richtig.

Seit über 15 Jahren unterstütze ich Menschen mit Hund. Wenn es nicht gut läuft, mache ich den Strategiewechsel möglich und eröffne neue Perspektiven für ein gelingendes Leben mit Hund. Klar, ehrlich und ohne faule Kompromisse. Mehr über mich erfährst du hier

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