Verantwortung beginnt oft mit einem guten Gefühl. Und endet genau dort, wo sie unbequem wird.
Neulich bekam ich einen Aufkleber geschenkt. Darauf ein kleiner Comic-Hund, der mit zufriedener Miene einen vollen Kotbeutel in einen Mülleimer wirft. Drei Sternchen schweben darüber – wie ein stiller Applaus, den man sich selbst gibt, wenn man überzeugt ist, alles richtig gemacht zu haben. Darüber steht: „Weg mit der braunen Scheiße.“ Darunter: „Hunde kacken gegen rechts.“
Ich musste lachen. Die Doppeldeutigkeit sitzt. Den politischen Impuls teile ich. Aber wenn wir schon sagen: Weg mit der braunen Scheiße – dann bitte konsequent. Auch mit der vor der eigenen Haustür.
Ich sehe sie jeden Tag, diese Beutel. Meist schwarz, manchmal grün. Sie gehören zur Grundausstattung. Man geht nicht ohne los.
Wir wissen, wo sie hingehören. Und doch liegen sie unter Bäumen, am Wegesrand, im Gebüsch. Neben Mülleimern – egal ob leer oder übervoll. Einige sorgfältig verknotet. Prall gefüllt. Fast gewissenhaft. Andere offen. Der Inhalt halb herausgequollen. So verschieden sie auch erscheinen, eines haben sie gemeinsam: Jemand hat sich gebückt. Hat Verantwortung übernommen. Und sie dann an genau dieser Stelle wieder abgelegt.
Sorgfältig verknotet – und dann abgelegt
Stell dir vor, jemand verlässt eine öffentliche Toilette und unterlässt den letzten Handgriff. Nach dem Motto: Ab hier ist es nicht mehr mein Problem. Zu Hause geschieht das nicht. Doch draußen gilt offenbar eine andere Logik. Da zählt der Akt. Nicht das Ende.
Ich finde diese Beutel schlimmer als die Haufen selbst. Ein liegen gelassener Haufen kann Nachlässigkeit sein. Der abgelegte Beutel ist eine Entscheidung.
Mit dem Aufheben des Haufens beginnt Verantwortung. Mit dem Ablegen des Beutels endet sie.
So gehen wir oft mit Verantwortung um: Wir nehmen sie an – und steigen aus, sobald sie unbequem wird. Und sagen uns: Das reicht.
Hundekacke ist hier nur der Anlass. Der Beutel markiert ein Muster.
Er zeigt, wo Haltung endet. Bis hierhin und nicht weiter. Das Pflichtgefühl ist satt. Haken dran. Man hat genug getan. Der Rest ist nicht mehr die eigene Sache.
Nicht, dass der Beutel zu schwer wäre. Er liegt uns nur zu lange in der Hand.
Manches geht verloren
Dieses Muster begegnet uns überall dort, wo Verantwortung mehr ist als ein Handgriff – wo sie verlangt, dass man dranbleibt.
Wir lehnen Verantwortung selten offen ab. Wir portionieren sie. In einen Teil, den wir noch tragen wollen. Und in einen, den wir weiterreichen – den unbequemen Teil.
Wenn aber alle nur das Angenehme tragen, bleibt das Unangenehme liegen. Und zwar überall.
Genau deshalb passt der Aufkleber so gut. „Weg mit der braunen Scheiße.“ Ein politischer Impuls, verdichtet zu einem Zeichen.
Der Aufkleber, der diesen Text ausgelöst hat
Zeichen machen Anliegen sichtbar. Sie können aber auch entlasten. Sie geben das gute Gefühl, Stellung bezogen zu haben. Der Schritt von dort zur Verantwortung ist klein – und wird doch oft nicht gegangen. Haltung wird markiert. Getragen werden muss sie nicht.
Gegen Rechts zu sein ist leicht zu markieren. Schwerer ist es, Verantwortung zu tragen, die daraus folgt.
Beim Aufkleber zeigt sich das gleiche Muster: Der Akt zählt. Nicht das Ende.
Das gilt für die Demokratie ebenso wie für Beziehungen.
In der Beziehung zum Hund entlarvt sich nur schneller, wenn Verantwortung ein Lippenbekenntnis bleibt.
Lässt sich ein Hund delegieren?
Wer sich einen Hund ins Leben holt, holt sich ein Gegenüber. Eines, das reagiert, fordert, sich entzieht. In dieser Beziehung wird sichtbar, wo man unklar ist, inkonsequent, überfordert. Wo die eigenen Grenzen liegen – und dass man sie nicht einfach umgehen kann. Das ist keine Aufgabe, die man erledigt. Es ist eine fortlaufende Zumutung an das eigene Selbstbild.
Und genau hier zeigt sich das gleiche Muster wie beim Beutel am Baum: Verantwortung soll praktisch, handhabbar – vor allem entlastend sein. Gerade in der Mensch-Hund-Beziehung suchen wir deshalb nach etwas, das Zumutung abfedert, Unsicherheit reguliert und den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit überbrückt.
Und wir finden etwas: Erziehungsmethoden, Trainingskonzepte, Systeme samt Anleitungen, die versprechen, dass Beziehung berechenbar wird. Sie strukturieren Unsicherheit – und machen sie damit erträglich. Genau darin liegt ihr Reiz. Sie entlasten uns davon, auszuhalten, dass Beziehung offen bleibt. Dass sie andauert und sich verändert. Dass sie uns bindet.
Sie nähren den Eindruck, dass es für jede Schwierigkeit mit dem Hund einen passenden Handgriff gibt. Und genau deshalb ist es so verführerisch, sie für ausreichend zu halten.
Man glaubt, Verantwortung zu übernehmen – und legt nur das Unbehagen ab.
Der Wunsch nach Struktur ist nicht das Problem. Zusammenleben braucht Verlässlichkeit. Kritisch wird es dort, wo wir glauben, mit Struktur sei Verantwortung schon eingelöst.
Methoden, Konzepte und Systeme sind Werkzeuge.
Sie können Verhalten ordnen, Abläufe klären und Sicherheit schaffen.
Was sie nicht können: Verantwortung tragen.
Verantwortung fordert, zuständig zu bleiben – auch dann, wenn etwas nicht aufgeht. Werkzeuge kann man anwenden und wieder weglegen. Verantwortung nicht.
Gesellschaftlich gilt diese Reduktion von Verantwortung oft als professionell: Wer einen Plan hat, wirkt kompetent. Wer ihn sauber anwendet, wirkt souverän. Dass Verantwortung mehr ist als Anwendung, fällt dabei leicht unter den Tisch. Kaum jemand stellt das infrage – oder nennt das einen Verlust. Was nicht sichtbar wird: Dass Verantwortung genau dort beginnt, wo all das endet.
Genau hier beginnt mein Widerstand. Verantwortung wird mit Handgriff verwechselt. Haltung mit Technik. Beziehung mit Methode.
Hundekacke ist hier nur der Aufhänger. Der abgelegte Beutel macht sichtbar, worum es geht: um unser Verständnis von Verantwortung.
Sich Hilfe zu holen, wenn man nicht weiterkommt, ist sinnvoll. Oft sogar notwendig. Schwierig wird es, wenn Hilfe nur entlastet, statt zu verpflichten – und wir das auch noch begrüßen. Dann beruhigt Aktivität. Und kaum jemand merkt, wie die eigene Zuständigkeit aus dem Blick gerät.
Verantwortung in einer Beziehung lässt sich nicht auslagern. Sie lässt sich nur teilen, gestalten, aushalten – oder vermeiden. Ein Hund merkt den Unterschied, ob jemand führt oder nur reagiert. Ob Beziehung getragen wird oder nur Technik greift. Ob man dranbleibt, wenn es unbequem wird – oder innerlich aussteigt. Das habe ich von meinen Hunden gelernt, und in der Arbeit mit Mensch und Hund. Es gibt hier kein bequemes Dazwischen.
Entweder du lebst Beziehung. Oder du verwaltest sie.
Hier wiederholt sich das Muster: Beim Beutel beginnt Verantwortung mit dem Einsammeln des Haufens – und endet dort, wo man den Beutel ablegt. In der Beziehung zum Hund beginnt sie, wenn der Hund ins Leben kommt – und endet, wo man sie organisiert, statt sie zu tragen.
Die Beutel am Baum sind nicht nur ein Ärgernis. Sie sind ein Spiegel dafür, wie wir Verantwortung verstehen. Das eigentliche Problem liegt nicht auf dem Boden. Es liegt bei uns.
In der Beziehung zum Hund gibt es einen Punkt, an dem nichts mehr delegiert werden kann: Du, dein Hund und wie du ihm begegnest.
Dort zeigt sich, ob du Verantwortung trägst.
Ganz ohne Sternchen.
Der Aufkleber, der diesen Text ausgelöst hat, stammt von der Initiative Weg mit der braunen Scheiße. Ihren politischen Impuls teile ich. Der hier ausgeführte Gedanke knüpft daran an.
Weiterdenken: Das Gegenteil von „Sitz“.


Sorgfältig verknotet – und dann abgelegt
Manches geht verloren
Der Aufkleber, der diesen Text ausgelöst hat
Lässt sich ein Hund delegieren?
Dein Kommentar ist mal wieder ganz wunderbar!
Vielen Dank!!
Vielen Dank liebe Gülay für diesen tollen & wertvollen Text. Freut mich auch, dass diese Beutel und Aufkleber mittlerweile überall in HH sich rumtreiben. 🙂 Grüße Jasmin
Danke dir, liebe Jasmin. Schön, dass du sie auch im Hamburger Straßenbild entdeckt hast. 🙂
Danke dir, liebe Nancy. Das freut mich sehr. 🌿